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Rezenzion: Die Gabel, die Hexe und der Wurm

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Ein neues Buch?

Nach sieben Jahren kehrt Christopher Paolini endlich in die Welt von Eragon zurück. Nicht mit dem fünften Teil der Serie, sondern mit der Kurzgeschichtensammlung Die Gabel, die Hexe und der Wurm. Wobei es jeweils um einen alten Bekannten, Angela und einem Urgal geht.
Die Rahmenhandlung, die alle drei Geschichten zusammen verbindet, ist aus der Sicht von Eragon geschrieben und knüpft ein Jahr nach dem letzten Teil an. Sobald es um die Kurzgeschichten selbst geht, wechselt die Perspektive von Eragon zum jeweiligen Charakter.

Erwartungshaltung:

Ich habe mich lange nicht mehr so sehr auf ein Buch gefreut wie auf dieses, schließlich war ich in meiner Jugend ein großer Fan der Reihe. Mittlerweile sind mir natürlich die Schwächen bekannt, aber gerade das war mir auch ein Ansporn. Ich wollte nicht nur erfahren, wie es Eragon seither ergangen ist, sondern ob sich Paolini auch als Autor weiterentwickeln konnte. Mir war aber von vornherein klar, dass Eragon hier nicht im Mittelpunkt stehen würde.

Aufmachung:

Als ich das Buch in den Händen hielt, war ich erstmal von der edlen Gestaltung mit Goldschrift und farbiger Karte begeistert, doch beim Aufklappen der erste Schock: Die Schrift wie die Seitenränder sind riesengroß. Ich hatte das Gefühl, ein Buch für Kleinkinder vor mir zu haben. So kann man natürlich auch seine Leser verarschen und das Buch künstlich auf 302 Seiten aufplustern, um den stolzen Preis von 18 Euro zu rechtfertigen. Abzüglich des Namensregisters und des Nachwortes hat es sogar nur 274 Seiten.
Mal eine kleine Rechnung: Das Buch hat 302 Seiten und im Original 40k Wörter, das sind durchschnittlich 132 Wörter pro Seite. Im Vergleich hat Harry Potter und der Stein der Weisen im selben Format 335 Seiten und im Original 77k Wörter, also im Durchschnitt 230 Wörter pro Seite. Das sind knapp doppelt so viele Wörter. Und der ganz große Mittelfinger: Harry Potter und der Stein der Weisen kostet nur 16 Euro statt 18. Wir zahlen also mehr Geld für ein Buch, das nur die Hälfte an Inhalt hat. Es ist so, als würde man im Kino für Überlänge zahlen, weil der Film in halber Geschwindigkeit abgespielt wird. Was bei Filmen unvorstellbar ist, ist bei Büchern anscheinend Normalzustand.

Eragon – Die Rahmenhandlung (10k Wörter)

Trotz der anfänglichen Enttäuschung wegen des geringen Inhalts, war ich doch sofort wieder in Alagaësia heimisch und eine wohlige Nostalgie überkam mich. Es ist einfach, etwas Besonderes nach so langer Zeit erneut in eine Welt geworfen zu werden, mit der man aufgewachsen ist. Dennoch machte sich etwas Ernüchterung breit. Nach dem vierten Eragon Band hat man sich einige Fragen gestellt: Warum wird Eragon nie wieder nach Alagaësia zurückkehren? Was für neue und seltsame Dinge wird er in der neuen Welt finden? Wie wird die neue Akademie der Drachenreiter aussehen?
Das sind Fragen, auf die wir jetzt Antworten bekommen, zumindest teilweise und sie enttäuschen. Was daran liegt, dass meine eigenen Theorien viel fantastischer waren als das, was mir letztlich geboten wird. Eragon ist z.B. nur einen Monatsweg von den Zwergen entfernt und bekommt sogar regelmäßige Warenlieferungen von ihnen. Wenn man bedenkt, dass Eragon nie wieder nach Alagaësia zurückkehren wird, nimmt das dem Ganzen schon die Schwere, denn er könnte es ja jederzeit tun.
Das neue Gebiet in dem Eragon sich befindet, scheint auch nur Alagaësia Plus ohne irgendwelchen Unterschieden zu sein. Da hätte ich mir mehr Fantasie erwartet.
Aber Paolini hat bereits erwähnt, dass mit jedem weiteren Band auch die Karte erweitert wird. Jetzt besteht sie nur aus einem Berg und einem Fluss.
Eine wirkliche Handlung erlebt Eragon hier nicht. Es passiert immer etwas und daraufhin bekommen wir eine thematisch zur Situation passende Kurzgeschichte, aus der Eragon eine Lehre zieht.

Die Gabel (7.8k Wörter)

Eragon befindet sich auf dem Berg Arngor, dem neuen Zuhause der zukünftigen Drachenreiter. Doch er braucht von all der Arbeit etwas Ablenkung und so erhält er eine Vision der Eldunari und wir damit die erste Kurzgeschichte. Sie handelt von Essie, einem Mädchen, das von den anderen Dorfkindern gehänselt wird und daraufhin von zu Hause weglaufen will. Doch vorher trifft sie in der Schenke ihres Vaters einen uns bekannten Mann, dem sie ihren Plan mitteilt.
Während man bei den anderen Geschichten keine sprachlichen Höhepunkte erwarten kann, ist es Paolini hier besonders gut gelungen Persönlichkeit nur anhand von Mimik zu beschreiben. Ansonsten hat diese Geschichte im Gegensatz zu den anderen auch einen richtigen Mehrwert im Sinne der Erweiterung der Welt. Wir erfahren nämlich über neue Gefahren, die weitreichende Folgen für das nächste Buch haben sollten.
Fun Fact: Paolini bekam die Idee für diese Geschichte in einem Tweet, den er aus Spaß verfasst hatte.

Die Hexe (3.5k Wörter)

Angela kommt unerwartet mit Elva zu Besuch und überreicht Eragon ein Buch mit ihrer Lebensgeschichte. Warum sie das tut, wird nicht geklärt und fühlt sich daher unnatürlich an, zumal sie ja sonst immer so verschwiegen über ihre Vergangenheit war. Es ist so, als hätte Paolini keinen besseren Weg gefunden eine Geschichte aus Angelas Perspektive in den Rest einzubinden. Wer jetzt aber erwartet endlich etwas über Angela zu erfahren, wird so enttäuscht sein wie ich als ich die Schriftgröße in diesem Buch gesehen habe. Denn diese Biographie ist nicht in chronologischer Reihenfolge geschrieben, weil Angela ja ach so seltsam und alles nur gelogen ist. Oder doch nicht? Laut Angela sind einige Teile wahr und andere einfach ausgedacht. Für mich ist das nur ein billiger Trick damit sich Christopher Paolini alle Türen offen halten und jedes mal seinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann, wenn Widersprüche auftreten. Wenn er dann doch Informationen über Angela preisgeben will, wird er schlicht sagen: „Ha ha ha du Dummkopf, ich habe X nicht gemacht, diese Stelle war gelogen, Y hingen stimmt“.
Der Grund für solch eine Taktik ist vielleicht, dass Christophers Schwester diese Geschichte geschrieben hat, die ja auch die Vorlage für den Charakter Angela war. Vermutlich hatte er insgeheim ein Problem damit, dass jemand anderes in seiner Story rumpfuscht, konnte der Schwester den Wunsch einer eigenen Geschichte aber nicht abschlagen und auf diese Weise ist er an nichts gebunden.
Insgesamt eine durchwachsene Geschichte, da sie einen ratloser zurücklässt als zuvor. Ich glaube dass Paolini selbst nicht weiß was und wer Angela ist. Sie war anfangs nur eine interessante Idee, die durch irgendwelche Taten beschrieben wird, die sie angeblich mal gemacht haben soll und deswegen berühmt wurde. Gesehen haben wir diese Taten aber so gut wie nie. Ich glaube Angela ist wie ein Buch mit schönem Einband, aber sobald wir es aufschlagen, sehen wir nur unbeschriebene weiße Seiten. Es wäre nicht das erste Mal für Paolini ungeklärte Mysterien zu erschaffen, man denke nur an Broms letzten Worte, dem Gürtel von Beloth oder an den Menoa Baum.

Der Wurm (17k Wörter)

Die letzte und längste Geschichte handelt von Illgra, einem weiblichen Urgal. Ihr Dorf wurde von einem Drachen zerstört, der gleichzeitig dabei ihren Vater getötet hat. Nun sinnt sie auf Rache.
Dies ist eine klassische Geschichte, über die man nicht viel sagen kann, außer dass man hier etwas mehr über die Kultur der Urgal erfährt.
Fun Fact: Paolini kam die Idee zu dieser Geschichte nach der Diskussion mit seiner Schwester über einen schlechten Film. Bedenkt man, dass Der Wurm darüber handelt mit dem klar zu kommen, was man nicht mehr ändern kann, dann darf man ruhig annehmen, dass es sich bei dem Film um die Eragonverfilmung gehandelt hat.

Fazit

Die Gabel, die Hexe und der Wurm ist eine Fortsetzung auf die niemand gewartet hat. Sie wirft mehr Fragen auf, als das sie welche klärt und wirkt daher eher wie ein Appetitanreger für den fünften Teil der Reihe. Betrachtet man die Geschichten als eigenständige Werke ohne den Kontext der vorherigen Bücher, dann fragt man sich, wo die Daseinsberechtigung ist, denn sonderlich gut erzählt oder außergewöhnlich sind die Geschichten nicht, als das sie für sich alleine stehen könnten. Das wirklich Interessante sind nur die neuen Information. Diese hätte man auch problemlos im fünften Teil unterbringen können, sie werden ja sowieso darin vorkommen.
Ich kann das Buch nur eingeschränkt empfehlen. Es war zwar toll, nach Alagaësia zurückzukehren, und auch Die Gabel lässt in einem das Fan Herz kurz höher schlagen, aber diese guten Momente sind schnell wieder vorbei während der Rest zwar nicht schlecht aber nur mittelmäßig bis belanglos ist.

Bewertung

★★★☆☆

Erschienen: 21.1.2019  |  Autor: Christopher Paolini  |  Seiten: 302  | Verlag: cbj

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2 Comments »

  1. Eine tolle Rezension – und deine Kosten-Nutzen-Rechnung finde ich wirklich interessant. Der Preis ist mir auch sauer aufgestoßen, aber als Fan denkt man sich halt: „Was soll’s?“. Den Wurm habe ich noch nicht gelesen, aber ich kann dir nur zustimmen: Das Buch liest sich wirklich wie ein Appetithappen.

    Was ich aber unbedingt noch loswerden möchte: Dein Blog gefällt mir wirklich gut. :) Ich habe ein bisschen gestöbert und bin dabei u. a. darauf gestoßen, dass „Eragon“ dich dazu gebracht hat, es mit dem Schreiben zu versuchen. Mein „Autorenleben“ hat ganz ähnlich begonnen – und vermutlich auch das vieler anderer Schreiberlinge.
    Liebe Grüße,
    Anna

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